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Wer war Hildegard von Bingen?
    
Hildegard von Bingen wurde 1098 in Bermersheim bei Alzey in Rheinhessen geboren. Sie war das letzte von zehn Kindern. Und da im Mittelalter der Zehnte, d. h. Abgabe des zehnten Teils, eine Rolle spielte, wurde Hildegard von ihren Eltern sozusagen als Zehent dem lieben Gott übergeben. Hildegard von Bingens Vater Hildebert entstammte dem edelfreien Geschlecht der Bermersheimer. Er war Ministeriale und Landesgutsverwalter des Hochstiftes Speyer.

Zeitgenössische Darstellung

Ruine Disibodenberg

Im Alter von acht Jahren wurde sie der Gräfin Jutta von Sponheim zur Ausbildung übergeben, die auf dem Disibodenberg einige Schülerinnen im Lesen und Schreiben, im Singen der Psalmen, in Handarbeit und Musik unterrichtete. Mehrfach kam es zu Auseinandersetzungen mit Abt Kuno von Disibodenberg, weil Hildegard die Askese, eines der Prinzipien des Mönchtums, mäßigte. So lockerte sie in ihrer Gemeinschaft die Speisebestimmungen und kürzte die durch Jutta festgelegten, sehr langen Gebets- und Gottesdienstzeiten.

Diese Klause der Gräfin entwickelte sich zu einem Benediktinerinnenkloster, und nach dem Tod der Meisterin im Jahre 1136 wurde Hildegard mit 38 Jahren einstimmig zur Äbtissin gewählt.
Offener Streit brach aus, als Hildegard mit ihrer Gemeinschaft ein eigenes Kloster gründen wollte. Die Benediktiner von Disibodenberg stellten sich dem entschieden entgegen, da Hildegard dem Kloster Popularität verschaffte.

Elf Jahre später wurde das Kloster auf den Rupertsberg bei Bingen verlegt.

Beginn der öffentlichen Wirksamkeit

Bei der Leitung ihrer Anhängerschaft und zur Begründung ihrer geschriebenen Texte berief sich Hildegard auf Visionen, die nach ihrer eigenen Darstellung 1141 unwiderstehlich stark wurden.

Als anerkannte Wissenschaftlerin gründete sie zwischen 1147 und 1150 schließlich das Kloster Rupertsberg auf dem Rupertsberg an der linken Seite der Nahe.

Bereits 1151 kam es zu neuen Auseinandersetzungen mit hohen geistlichen Amtsträgern, den Erzbischöfen von Mainz und Bremen.

Dennoch wurde schließlich 1152 die Überschreibung der durch Hildegards Ruf sehr umfangreich gewordenen Klostergüter bestätigt. Dieser ansteigende Reichtum wirkte sich auch auf das Klosterleben aus und rief Kritik hervor. So griffen mehrere Geistliche, aber auch Leiterinnen anderer Klöster, zum Beispiel Meisterin Tengswich von Andernach, Hildegard an, weil ihre Nonnen entgegen dem monastischen Armutsgebot angeblich luxuriös lebten und nur Frauen aus adligen Familien aufgenommen wurden.

Da die Zahl der Nonnen im Rupertsberger Kloster ständig zunahm, erwarb Hildegard 1165 das Augustiner-Kloster in Eibingen und gründete dort ein Filialkloster, in das Nichtadelige eintreten konnten. Sie setzte dort eine Priorin ein und behielt sich die Äbtissinnenwürde vor.

Hildegard von Bingen starb am 17. September 1179 im 82. Lebensjahr.

(Hildegards sehr bildliche Beschreibungen ihrer körperlichen Zustände und ihrer Visionen interpretiert der Neurologe Oliver Sacks als Symptome einer schweren Migräne, speziell aufgrund der von ihr geschilderten Lichterscheinungen (Auren). Sacks und andere moderne Naturwissenschaftler gehen davon aus, dass Hildegard an einem Skotom litt, das diese halluzinatorischen Lichtphänomene hervorrief.)

Bedeutung in Biologie und Medizin

Bekannt ist, dass Hildegard in den 1150er Jahren auch medizinische Abhandlungen verfasste. Im Gegensatz zu den religiösen Schriften sind hier jedoch keine zeitgenössischen Exemplare erhalten. Der Begriff Hildegard-Medizin wurde als Marketingbegriff erst im 20. Jahrhundert eingeführt.

Interessant für Biologie und Medizin sind ihre Abhandlungen über Pflanzen und Krankheiten.

Nach 1150 verfasste Hildegard mit Causae et Curae (Ursachen und Heilungen) ein Buch über die Entstehung und Behandlung von verschiedenen Krankheiten. Das zweite der naturkundlichen Werke heißt Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum, was auf Deutsch so viel bedeutet wie „Buch über das innere Wesen (Beschaffenheit und Heilkraft) der verschiedenen Kreaturen und Pflanzen“, weshalb Hildegard heute teilweise als erste deutsche Ärztin bezeichnet wird. Diese naturkundlichen Werke zählen u. a. zu den Standardwerken der mehr esoterisch orientierten Naturheilkunde. Zu ihrer Zeit waren Ärzte Klostermediziner und angebliche Wunderheiler; es gab kein wissenschaftliches Medizinstudium. Die Leistung Hildegards liegt unter anderem darin, dass sie das damalige Wissen über Krankheiten und Pflanzen aus der griechisch-lateinischen Tradition mit dem der Volksmedizin zusammenbrachte und erstmals die volkstümlichen Pflanzennamen nutzte.

Sie entwickelte vor allem aber eigene Ansichten über die Entstehung von Krankheiten, Körperlichkeit und Sexualität (in der Scivias befindet sich vermutlich die erste Beschreibung eines Orgasmus aus weiblicher Sicht, weiterhin verurteilt sie jegliche sexuelle Handlung, die gegen die göttliche Schöpfungsordnung verstoßen. Dazu gehören männliche und weibliche Homosexualität, heterosexueller Analverkehr, Selbstbefriedigung und Sex mit Tieren (und Möbelstücken) etc. Eigene medizinische Verfahren entwickelte sie nicht, sondern trug lediglich bereits bekannte Behandlungsmethoden aus verschiedenen Quellen zusammen. Auch Edelsteine und Metalle bezog sie in ihre Behandlungsempfehlungen ein.

Der Gedanke der Einheit und Ganzheit ist ein Schlüssel zu Hildegards natur- und heilkundlichen Schriften. Diese sind ganz davon geprägt, dass Heil und Heilung des kranken Menschen allein von der Hinwendung zum Glauben, der allein gute Werke und eine maßvolle Lebens-Ordnung hervorbringt, ausgehen kann.

 

Heilkräuter - Heilpflanzen

Hildegard
von Bingen verwendete die zu dieser Zeit bekannten, meist mediterranen, Heilkräuter und auch exotische Gewürze, etwa aus Asien.

Aber neben diesen Heilkräutern benutzte sie auch einheimische Pflanzen, was damals nicht üblich war.

In ihren Aufzeichnungen findet man weit über einhundert Beschreibungen von Pflanzen mit dazugehörigen Rezepten für bestimmte Krankheiten.

Besonders geschätzte Heilkräuter waren:

Quendel
Eine wilde Form des Thymians. Hildegard verwendete ihn besonders bei Kopfschmerzen, Husten, Durchblutungsstörungen und Hautkrankheiten.

Bertram

Wurde von Hildegard als Gewürz für das Essen empfohlen. Er födert die Verdauung, hilft bei Magenproblemen, Herzerkrankungen und Verstopfung.

Galgant
Hildegard schätzte ihn bei Herproblemen, Fieber, Verstopfung, Husten, schwachem Kreislauf und Lungenproblemen.

Meisterwurz
Hildegard empfiehlt Meisterwurz bei Fieber. Dazu soll man die zerstoßene Wurzel zusammen mit Wein ansetzen und trinken.

Weitere Pflanzen, die von Hildegard besonders erwähnt wurden:

Thymian
Brennessel
Ysop
Edelkastanie
Veilchen

Anis
Mistel
Schafgarbe
Alant

Dill
Schlüsselblume
Süssholz
Fenchel

Verbena
Liebstöckel
Tausendgüldenkraut
Heidelbeere

Bibernelle
Wermut
Bockshornklee
Esche
Heidelbeere


Nahrung

Die tägliche Ernährung stellte für Hildegard von Bingen einen wichtigen Bestandteil zur Gesunderhaltung des Menschen dar. Allerdings muten die von ihr aufgeschriebenen Empfehlung heute zuweilen etwas seltsam an, es liegt wohl daran, daß damals die Nahrung etwas anders war als heute.

So empfiehlt Hildegard Dinkel zum Beispiel als Grundlage für Suppen, was heute doch ziemlich unbekannt ist. Überhaupt war Dinkel für sie anscheinend sehr wichtig, sie war der Meinung, der Mensch werde durch Dinkel von innen geheilt. Empfohlen wird Dinkel gegen Schwäche und zur Blutreinigung.

Gemüse sollte nach ihrer Meinung nicht roh gegessen werden, da es das Blut verschlechtert und im Darm gärt. Nur Salat dürfe, etwas mariniert, roh verspeist werden. Alles andere müsse gedünstet oder gekocht werden.

Besonders von Hildegard empfohlene Gemüse sind:
Rote Beete, Bohnen, Fenchel, Kürbis, Edelkastanien, Karotten, Sellerie.

Auch Fisch und Fleisch wird von Hildegard empfohlen, besonders Fisch und Geflügel, Lamm und Fleisch vom Wild. Zudem nennt sie auch andere Lebensmittel wie Wein und Bier oder auch Honig.

Schlechte Nahrung
Hildegard nannte auch "Küchengifte", Dinge also, die man nicht essen sollte. Hier nannte sie speziell Schweinefleisch, Pfirsiche, Erdbeeren, Pflaumen, Lauch und Chicoree (erstaunlicherweise sind es z. B. Erdbeeren und Pfirsiche, die bei vielen Menschen Allergien hervorrufen. Pflaumen, Lauch oder Chicoree werden von vielen als die Verdauung belastend empfunden - und das Thema Schweinefleisch löst die vielfältigsten Diskussionen aus).

Generell kann man zu den Ernährungslehren Hildegards von Bingen jedoch sagen, daß anders als viele andere, dogmatischere Diätvorschriften ihre Empfehlungen dahin gehen, daß man das genießen sollte, was einem "gut tut". Also blähende oder stopfende Speisen meiden, das, von dem man weiß, daß es Sodbrennen verursacht, weglassen und allgemein "auf seinen Bauch hören". Viele Empfehlungen sind natürlich auch von der damaligen Zeit geprägt (die Verfügbarkeit mancher Nahrungsmittel war nicht gegeben) - aber als sehr modernen Ansatz sehe ich die "Vorschrift", das zu ernten und zu essen, was die Jahreszeit und die Region zu bieten hat. Sehr CO2-freundlich, viel vitamin- und mineralstoffreicher, meist auch geschmacklich viel besser und mal ehrlich: schmeckt Ihnen Spargel im Winter wirklich so gut wie im Mai?

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