Vor vielen Jahren stellten mein Mann und ich fest, daß es mit dem von uns heiß herbeigesehnten Kindersegen wohl nichts werden sollte.
Und wir schauten uns nach einem Hund um.
Wir waren immer schon "Katzenmenschen" gewesen. Erst ganz normale Straßentiger, dann Norwegische Waldkatzen. Mit allem Drum und Dran. Katzenausstellungen im In- und Ausland, schließlich "zwangsläufig" Zucht.
Einen Hund? Der mußte natürlich auch mit unseren Katzen zusammenleben. Und die "Norweger" sind manchmal nicht ohne ...! Klar, daß es ein Hundebaby sein müßte. Schließlich sollte es ja "unser" Hund werden - und nicht ein Charakter, der von jemand anderem vorgeprägt wurde. Klar auch, daß es kein Mischling sein sollte (Bitte um Verständnis an alle Mischlingshundebesitzer!). Ein Mischling ist oft schlauer als ein Rassehund, wird wegen des breiten Genpools meist älter - aber wir wollten uns wegen unseres Geschäftes - und da sollte der Hund jeden Tag dabei sein - kein "Überraschungs-paket" antun. Denn was wir nicht wollten, war uns absolut klar: Wir dürfen keinen tierischen Bewacher in der Agentur haben. Ein Hund, der alle Besucher meldet, wäre ziemlich ungeschickt in einem von Lieferanten und Besuchern geprägten Alltag.
Ein kleiner Hund sollte es auch nicht sein, "schön" sollte er sein (vielleicht aber auch nur außer- gewöhnlich oder besonders?) - und wir fragten uns ziemlich zweifelnd, ob wir mit einem sabbernden, "stinkendem" Monster klarkommen würden. Es war ja unser erster Hund! Jeder in unserer Bekannt- schaft hatte, so schien es, einen Golden Retriever oder einen Labrador. Freundlich, nicht agressiv, leicht erziehbar. Klar: ich streichele meinen Hund - und ich rieche nach Hund. Mein Auto riecht nach Hund, meine Wohnung riecht nach Hund. Aber damit muß man dann halt leben, wenn man Hunde- halter werden will. Ein Retriever, so lieb diese auch sein mögen, sollte es nicht werden. "Stell' Dir vor, wir sind mit dem Hund auf der Wiese und können ihn garnicht von den anderen fünf Retrievern unter- scheiden!" sagte mein Mann.
Dann wurde unser über alles geliebter dicker, bumsköpfiger, roter Kater krank. Und ich war fast jeden Tag mit ihm beim Tierarzt. Es war ziemlich klar, daß die Sache böse enden würde, aber man will es zu Anfang ja nie so recht wahrhaben.
Eines Tages sitzt eine Dame aus unserer Nachbarschaft mit einem winzigen, weißen Wollknäuel auf dem Schoß im Wartezimmer des Tierarztes. Die ersten Welpenschutzimpfungen ... Ich war wie paralysiert. Was ist das denn? Nicht nur, daß der Kleine - natürlich - unglaublich niedlich war, aber so was hatte ich bis dahin noch nicht gesehen.
Und da fiel zum ersten Mal der Rassenamen "Samojede". Und "Schlittenhund aus West Sibirien".
So sehen sie aus, wenn sie klein sind.
Als ich nach Hause kam, war kein Halten mehr. Bücher über Hunderassen wurden gelesen, Telefon- verzeichnisse nach Züchtern durchstöbert und viele Anrufe getätigt. Der 9jährige Sohn der Dame (wie gesagt, zum Glück aus der Nachbarschaft) wurde mit allen möglichen Dingen "bestochen", uns mit dem Hund zu besuchen, um das, was wir uns an Wissen über diese Hunde angeeignet hatten, am lebenden Objekt zu verifizieren. Und weil es zu dieser Zeit keine Würfe gab und schon gar nicht in unserer Nähe, dauerte es fast 2 Jahre, bis wir unseren "Bubele" bekamen.
Willi Schulte aus Ostrhauderfehn mit Ole und Orpheus (Teddy)
Erna Bossi aus Solothurn mit Allegro (Auli), dem Papa von Ole. Hier wußten wir dann, wie Ole werden würde!
So ein riesengroßer Ball ... fast zu groß für`s Mäulchen!
Der Beginn einer lebenslangen, wunderbaren Freundschaft.
Apropos "Würfe in unserer Nähe": "Bubele" holten wir schlußendlich aus dem ca. 500 km entfernten Ostfriesland! Und er kam als 12 Wochen alter Welpe zu uns, sah sich um und "sagte": "O.k., das ist mein Zuhause!" Und vom ersten Moment an war Kommunikation angesagt! Ein Samojede ist übrigens charakterlich ähnlich wie eine Katze: blinder Gehorsam ist ihm unbekannt, er tut alles für seinen Men- schen und das mit Freude, wenn er den Sinn für sich sieht. Katzen liebte er übrigens über alles (... durch die Tatsache bedingt, daß er als "Katze" im Katzenrudel mit aufgewachsen ist) - unsere Stubentiger und er lagen in einem großen, bunten Haufen im Haus herum - und mit jeder Nachbarskatze wollte er Freundschaft schließen.
Vorher ...
... und nachher!
Entspannt war unser Großer schon immer - auch als er noch ein Kleiner war!
Geplant als "Sofa-Kartoffel" sollte er ausschließlich ein Familienhund für uns sein. Ein bißchen fremd- bestimmt (er war der letzte Wurf einer sehr erfolgreichen Zuchtlinie, aber das erfuhren wir erst viel später), auch weil er zu einem ausgesprochen typvollen, rassegerechten großen Rüden heranwuchs, besuchten wir die ein oder andere Hundeausstellung mit ihm. Und weil er ausschließlich die ersten Plätze belegte (was für Einzelhundehalter schon ungewöhnlich ist ...), "leckten wir Blut". Verzeih' uns, Bubele! Wir entwickelten dann schon ein wenig Ehrgeiz, unser Hund wurde nicht nur Deutscher Champion im Verein für das deutsche Hundewesen VdH sondern auch Deutscher Champion des DCNH (Deutscher Club für nordische Hunde e.V.). Und gab seine Gene an 25 Nachkommen weiter.
Ole und Bijou
Und er hat seinen "Job" als Papa gut gemacht. Alle Söhne sahen aus wie er - und die Töchter hatten seine Größe und waren ansonsten ganz die Mama. Die Mama mit den vielen Welpen "am Bauch" ist Elena und auf dem Balkon ist er mit Bijou alleine. Ganz rechts zwei seiner fast erwachsenen Söhne.
Unser Hund lehrte uns zu kommunizieren (wenn man gewillt ist, zuzuhören und zuzuschauen ...). Er lehrte uns, wie Hunde "ticken" (das klassische Rudelverhalten) und gab sein ausgeglichenes Sozialverhalten an alle Hunde seines "Rudels", mit denen er jeden Tag für mehrere Stunden zusammenkam, wieder weiter. Er half 6 Welpen, die in "seinem" Rudel aufwachsen durften, erwachsen zu werden. Er zog mich am Fahrrad durch den Taunus und jeden Winter die fast am selben Tag geborene Tochter einer Freundin im Schlitten durch den Schnee.
Er war in unserem Wohnort bei allen Kindern bekannt - sie wußten (ihre Eltern nicht), daß er es liebte, wenn sich ein Kind an ihn drückte und ihn an der Mähne packte und in die Arme nahm. Dann stand er da, ganz ruhig und stolz - und lachte. Ja, Samojeden lachen. Für dieses Samojedenlächeln sind die großen Weißen berühmt.
Ach ja (jetzt kommen wir auf die Frage zurück, welcher Hund es sein sollte, wegen Stinken und so ...) - Samojeden haben keinen (!!) Fellgeruch, sie sind schneeweiß (manche haben cremefarbene Bereiche an den Ohren und am Schwanz) - und das dichte, weiche Fell (die Wolle eignet sich auch hervorragend zum Verspinnen und Stricken ...) - ist sehr pflegeleicht trotz der Länge und Farbe.
Unser Großer lehrte uns mit offenen Augen durch die Welt zu marschieren. Wir lernten im Feld und Wald Dinge zu sehen und Zeichen zu deuten - ohne Hund wären wir an vielen Sachen einfach vorbeigestolpert. Er zeigte uns, wie unterschiedlich Schneeflocken aussehen, daß Blätter, wenn Regen in der Luft liegt, ihre dunkle Unterseite nach oben drehen und wie man als Hund zugefrorene Pfützen aufbricht, wenn man bei langen Winterspaziergängen Durst bekommt. Er zeigte uns hier im Taunus nicht nur Rehe, Hasen und Kaninchen - ohne ihn hätten wir nie Dachse, Wildschweine und Füchse gesehen, von den vielen Feuersalamandern, Blindschleichen, Ringelnattern und Glühwürmchen gar nicht zu reden.
Und das Äpfelpflücken hat er ganz von alleine gelernt. Nach dem Mahl noch einen Schluck Wasser...
Und dies hat er uns noch gelehrt: - Wie man einem Welpen die Anfangsbegriffe im Zusammenleben mit Menschen beibringt - Wie man schon größere Hunde in sozialem Umgang schult - Wie man Verhaltensauffälligkeiten und Unarten wieder verschwinden lassen kann - Was ein Hund fressen sollte und was nicht - Wie ein Hund dem Menschen zeigen kann, was er machen kann und was er besser lassen sollte - Wie ein Mensch dem Hund zeigen kann, was er machen kann und was er besser lassen sollte - Auf was man bei einem Hund bei Ausstellungen achten sollte - Die Grundlagen für die Hundezucht
Und weil es leider keine Wunder gibt, zeigte er uns nach fast 14 Jahren auch, daß es Zeit wurde zu gehen. Auch diesen letzten Moment erlebten wir in gemeinsamer Kommunikation - und er lächelte.